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  Vom Leben der Bilder

 

Meine Bilder entstehen im Augenblick von Falken mit der Zähigkeit von tausend Schnecken und das jahrelang ganz schnell, sie suchen sich ihre Farben und verhandeln über Formen. Sie bestimmen selber über sich, bis ich sie zu sich bringe und sie mich zu mir bringen oder vice versa. Manche bringen mich oder sich oder uns zusammen weit weg bis zum gestirnten Himmel in mir und zack zurück, wo ich ganz vage weit weg das Gesetz erkenne und Falken und Schnecken und Rotkäppchens kleine rote Mütze....

In diesem Trubel entstehen:

der Sonnenuntergang am Meer, alle Regenbogen, der Tod im Visier, rauhes Gelb, sehr weisses Weiss, - ein Blick, der schon zu früh zu lächeln versucht - ein Stück Schwarz, das glatt sein will - tausende von Rapsfeldern, die ich gut und elegant erlege - sehen Sie hier ein Rapsfeld?

Oh, ein Ritter! Zu früh. Es ist in dieser Fase besser, wenn sich niemand zu deutlich zeigt und beim malen stört. Aus Mitleid hat so manche Form ein Bild lange aufgehalten. Weiter! Ein Engel? Darf bleiben, Engel tun den Bildern gut. Eine sehr lange rote Schwammspur. Noch eine. Alle Bilder wollen eine. Das automatische Kreuz. Das Haus vom Nikolaus. Symbole, die sich noch gar nicht kennen! Der Mond. Die erste Raute.

Abschleifen im Waschbecken, was den Sonnenuntergang betrifft. Einmal drehen. Im Spiegel verrät alles seine Schwächen und ich meine Stärke. Ich habe Waffen. Ich habe Heilmittel.

Die Farben versuchen, mich zu erpressen ?

Ich habe Schleifpapier. Wer malt hier eigentlich ?

Dann ist es Nacht. Das Licht geht aus und manches leuchtet nach.

Und am nächsten Tag, am Morgen vielleicht, sehe ich die Bilder an, wie sie da an der Wand stehen, zwanzig, dreissig - manche hab ich nie gemalt, andere erkenne ich wieder, hie und da die Andeutung eines zu erwartenden Lächelns, erschöpfte Städte, etwas unmotivierter Prunk, Blumen, die ich vorher nie sah...

Ich gehe lieber wieder, aber nie ohne Gruss

Am Mittag dann scheint die Sonne und das vielversprechendste oder das bedürftigste darf mal mit raus vor die Tür.

Ich sehe von Weitem, was fehlt oder was zu viel wird. Sonnenlicht - in dieser Fase mag das kein Bild. Muss aber sein.

Am Abend wird das festliche eiskalte Neonlicht angemacht. Da zischen die Farben, die Häuser bäuscheln sich, die Frauen erscheinen und sammeln Kräfte. In diesem Licht und in der Ruhe des Abends weiss ich immer am besten, was alle über die Jahre lebendig macht. Da entscheide ich über Leben und Tod auf meinen Quadratmetern. Nach Jahren oder Sekunden verdichtet sich alles. Dann sind Bildgesetze da, die unausweichlich werden wollen. Dann wird es spannend. Dann darf gedacht werden - na gut, spätestens dann, aber dann bestimmt. Ich prüfe mit allen Mitteln das Wohlbefinden der Bilder. Ich erfinde, ich beobachte, ich vergleiche. Ich.

Ich mache das. Die Bilder erwarten das von mir, und ich gebe jedem seinen Teil. Es geht nichts über ein wohlgenährtes Bild.

Dann kommen die leichteren Prüfungen: die Anprobe der Rahmen.

So manches Bild unterlag seinem Rahmen und bat um einen anderen.

Meistens geht es gut. Wir sind eingespielt.

Ist noch was zu tun, ausser dem Entscheidungsspruch: Fertig!

Signieren. Wo? Wie gross? welche Farbe, wie dick, oder gar nicht, wie es Malta passierte - da hatte ich keinen Platz und Malta weiss, dass es von mir ist. Malta und ich haben ein besonderes Verhältnis, das sich der Signatur entzieht.

Und dann, wenn dann alle zusammen da stehen, fröhlich bis über den Rand ihrer Rahmen, - dann bekommen sie ihre Preise!

Sie rufen sich Zahlen zu, ich verteile, belohne, zeichne aus, denke mir Finten aus, die nie funktionieren und immer deutlicher gehört der Preis zum Bild.

So ausgestattet gebe ich sie frei.

Und da hängen sie nun, junge Bilder, diesmal auch ein paar geliebte Veteranen dabei und jedes ist eine Liebeserklärung an die Welt.

Die Liebe selbst. Drunter mach ich's nicht.

Da können alle ganz sicher sein.

 

 

 

Die Geschichte vom Bild der Zigeunerin im Glaserladen

Lieber Henning,

vor nunschonbald drei Jahren stelltest Du die provokante Frage: „Warum darf ich die Zigeunerin im Glaserladen nicht schön finden?" Also Henning, als Du das gefragt hattest, kriegte ich richtig Angst um Dich und wurde sogar eifersüchtig auf diese Frau, die da mit toller Verlockung im Blick und diesem von der Schulter gerutschten Hemdchen am Baum lehnt, die schwarzen Haare so als Kaskade vom ein bisschen zurückgeworfenen Kopfe fallend ... puh, ausgerechnet diese Pseudozigeunerin ... ! Mona Lisa oder die Venus von Botticelli bin ich ja gewöhnt als Augenweide kultivierter Herren - aber die da. Diese als soft-pinup aufbereitete Orientbarbie, routiniert in Öl gepinselt, am Fließband gemalt und auch noch ganz billig zu haben .... puh, Henninghenning, da wusste ich damals nichts rechtes zu antworten. Ich dachte bloss: Soll er sie doch schön finden, wenn er sie denn schön findet, wird er schon merken, wie lange die geölte Verlockung hält, - ob sie einlöst, was ihr verheissungsvoller Blick verspricht.

Was verspricht er denn. Was hat sie bloss, was ich nicht habe? Ich habe all die Jahre nachgedacht: bis mir endlich dieser ganz elementare Unterschied einfiel: Die ist ja von einem Mann gemalt. So wie der eine Frau sieht, kann ich das ja gar nicht. Und es ist bestimmt viel eindeutiger als alles das, was meine Frauen versprechen. Bestimmt.

In der gesamten Menschheitsgeschichte, die ich so überblicke - und das ist die vom Einzeller bis grade eben - haben immernur Männer gemalt, haben Männer immer Frauen gemalt, so als hätten sie sie nach der Jagd gestellt. In den Jagdzeitschriften, die ich so gerne lese, ist das alles auch immer „die natürlichste Sache der Welt". Die einzige Frau, die ich kenne, die Frauen gemalt hat, die sich nicht damit begnügen (müssen) Frau zu sein, musste leider gleich wieder aufhören: sie starb: Paula Modersohn-Becker. Ich möchte so gern sehen, was sie noch gemalt hätte.

Nun ist ja das Modell „Zigeunerin" nicht der Maltraum eines jeden Künstlers — aber irgendwie hat Mona Lisa ja auch so was, ein bisschen besser gemalt vielleicht - was ja ganz nebenbei angemerkt das Wesentliche ist :-) ein guter Künstler kann malen was er will, sogar Zigeunerinnen. - Goya hat es uns vorgemacht --- aber mir wird trotzdem schlecht beim Anblick all dieser Venusse in Muschelschalen, als Madonnen verkleideten Edelwesen, zum Übersbetthängen getarnt, diese Fraumuttergeliebtemädchengestalt, Kitsch, Kitsch, Kitsch ... puh, ich gerate richtig in Rage über das, was unter dem Deckmantel der Kunst so alles mitläuft. Dabei ist das alles nichtmal das schlimmste, da laufen ja noch ganz andere Weichzeichner auf subventionierten Ölfeldern rum und verbrauchen wertvollen Platz an den Wänden ... Genug geschimpft. Da siehst du mal, Henning, in was du mit Deiner kecken Frage getroffen hast.

Also gut, zurück zur schönen Zigeunerin. Was habe denn ich zu bieten?

Ich musste feststellen - und deshalb regt mich das alles vermutlich so auf: Ich male auch solche Frauen. Nur einen etwas anderen Prototypen und etwas anders gemalt. So dicht am Kitsch wie ich es aushalte. Ich treffe auf meinen Wegen immer auf ihn - aber er geht in die andere Richtung weiter, zum Glück. Eine meiner grossen Kinderwolllüste war der Anblick goldgerandeter Heiligenbildchen in Gebetbüchern - diese schönen Begleiterinnen zölibatärer Gottesmänner. Die waren ja durchaus einer öligen Zigeunerin ebenbürtig ... und ich habe immer versucht, solche Wesen zu haben, mir hinzuzeichnen, sie entstehen zu lassen - aber meine kindlichen Mittel reichten mir nie. Jetzt habe ich die Mittel. Und die Zeit ist reif: Ich gebe mit diesen Mitteln all den Zigeunerinnen der Welt die Chance, dass ihre Verheissung hält. Ich statte meine Frauen so gut aus, dass es ihnen an nichts fehle (nicht mal der Betrachter muss ihnen etwas zufügen - obwohl er das ja zu gerne macht). Ich mag keine hungrigen Bilder. Ich mag keine, die einen von der Wand her anfallen oder einen gierig reinziehen. Und all die Leidensgenussmaler, Ablassverkäufer und Gewissensbeisser, deren Werke ihre Versprechen nur notdürftig einlösen ... mir hängen sie bis hier. Sie ... ach was, genug geschimpft, aber ich musste mal ein bisschen aufräumen. Wo war ich stehen geblieben, bevor ich mich verirrte? - Ah ja, bei mir natürlich und bei dem, was meine Bilder zu bieten haben.

Nicht wenig: Das Ende der Gralssuche.

Meine Bilder sind nicht unterwegs, sie suchen den Gral nicht, sie brauchen keinen Helden, der sie erlöst. Sie s i n d der Gral. Ach was - Gral. Das war doch diese ewig vergebliche Männersuche nach dem, was Frauen schon haben. Vorbei. Alles ist gut. Ihr könnt euch erholen von der Jagd, Männer. Meine Bilder sind Vatermutterkind und es fehlt nichts. Es ist nichts zuviel. Ich weiss, wie das geht.

Und doch

es gibt sie ja, die Zigeunerin. Und wenn ich sie treffe auf ihrem endlosen Weg durch die Männerköpfe, tut sie mir leid. Möchte ich sie von ihrem billigen Öl und den luschigen Maltricks erlösen und einen Menschen draus machen, möchte Mona Lisa trösten, möchte die Venus von Botticelli von ihrer albernen Muschel ziehen, Picassos Weinende zum Lachen bringen, van Goghs Ohr wieder ankleben. Und all die Angst und Kindersehnsucht aus grauer Vorzeit - als „das Archaische" wird sie missverstanden - heilen und verwandeln in eine fröhlichere Kraft. In einem Raum ohne Angst. Das kann Kunst, Kunst ist sowieso der einzig angstfreie Ort der Welt. Und da leben meine Frauen ...

Lieber Henning,

Ich holte also diese Zigeunerin aus ihren Glaserladen und malte sie zu mir ins Land der Kunst.

Da gab ich ihr die Chance, alle ihre Kräfte zu entfalten und ihren Namen zu finden: Mensch.

Ich glaube, ich hab's geschafft ... Sie sieht fröhlich und zufrieden aus. Und diese, lieber Henning, darfst Du jetzt schön finden -

Was für eine schöne Geschichte!

Ich hoffe, das genügt erst mal als Antwort auf Deinen Frage. Wenn Du mal wieder was Brisantes zu sagen hast - vielleicht sehen wir uns ja bald mal ---- oh, ich merke gerade ich halte eine Rede .... zu meiner Ausstellungseröffnung.

Ich freue mich über alle, die gekommen sind, meine Bilder mit ihrer Betrachtung zu erfreuen. Ich danke allen. Besonders aber Dir, lieber Henning. Schön, dass Du da bist.

Deine Dorothee

P.S. Ganz herzliche Grüsse an Katrein!

 

 

 

Neues von den Bildern

 

Die Kindheit der Bilder ist schöner geworden.

Ich kann ihnen schon früh vorstellen, dass etwas Schönes aus ihnen wird.

 

Vom Malen

Dieser Vorgang!

Das Material. In all den Jahren ist es zum Vertrauten geworden. Farbe .Malgrund. Pinsel. Gefässe. –

Aufforderungen, die am angenehmen Ort warten. Zuverlässige Substanzen. Ausgesuchte Möglichkeiten aus Farbe, meinen Augen genau passend. Meinen Fingern genau passend. In schöne Dosen verpackt. Wasserbecken. Heizung. Licht. Ruhe.

Draussen wachsen die Pinsel am Teich.

Jetzt kommt die Wirklichkeit aus den Möglichkeiten und vice versa..

Ich kann entscheiden: Hartfaser oder Leinwand,

Aber dann geht es mit Naturgesetzten weiter: es muss halten, wisch- und wasserfest sein, schön sein, haltbar sein, aufnahmebereit für...

Erst mal rantasten, ranstürmen, ranarbeiten. Spielen.

Abstand in Raum und Zeit nehmen zu...

Ideen drängeln sich vor. Werden ausprobiert und integriert.

Es wird jedenfalls meins.

Am nächsten Tag macht es keinen Spaß mehr und sieht überhaupt nicht gut aus. Das kann ein Anlass zum Weitermachen und zum Aufhören sein. Inzwischen lagern sich die Marmormehle, Kreiden, Dralonfasern,

Glaskügelchen mit ihren Farbpigmenten drin zu Sedimenten. Ich male gar nicht, ich baue.

Ich reisse auch ab. Also in gewissen Abständen tut es gut, abzuschleifen. Mal sehn, was da schon alles ist.

 

Jedenfalls hat es nichts mit Wissen zu tun.

 

Es ist eine Art Fortpflanzung, deren Produkt sofort erwachsen ist, fertig im Moment der Entstehung. Die Bestandteile sind so alt, so bewährt Dazu alle mir erreichbaren menschlichen Gefühle. Alle kulturellen Innovationen, die sich mir darbieten. Fortpflanzung im stärksten menschliche Bereich: Ästhetik. Entscheidung zum Schönen. Das kann kein Kormoran, ätsch). Mein Beitrag zur geistigen Evolution.

Und wenn die Kultur Glück hat

Früher oder später.

Sie hier als ihr Vorposten haben heute Abend gute Chancen!

Es ist alles ganz offensichtlich.

 

 

 

Von den Schablonen

Rede zur Ausstellungseröffnung in der Galerie Commeter

22. November 2000

 

Meine Schablonen sind aus Papier.

Ich schneide gerne mit stumpfen Scheren.

Ich schneide z.B. Rosenschablonen mit Nagelscheren. Sehr schnell kann ich dann nach Belieben mit schwarzer oder roter Farbe Rosen auf dem Bild verteilen und sehen, wo sie sich bewähren.

Aus einer kleinen Rose kann ich blitzschnell ein das Bild überziehendes Muster machen.

Ich schneide gerne Rautenformationen mit scharfem Messer am Stahllineal entlang.

Ich schneide gerne Dreiecke mit plumpen Bastelscheren, die Rücken an Rücken das Harlekinmuster ergeben.

Ich tupfe das Harlekinmuster auf das Rosenmuster. Etwas bunter Sand daraufgestreut verstärkt die Wirkung und beschleunigt das Trocknen. Darüber lege ich das Muster aus Kreuzen. Darüber eins aus gelben Rauten. Darüber eine Spur Schwammrot zur Entspannung.

Dramatisch wird es, wenn zehn verschiedene Formate auf dem Boden liegen und ich ganze Serien von Mustern über alle verteile. Das regt junge Bilder auf, wenn sie nach jeder Musterung umgelegt werden und den Zusammenhang verlieren. Sie müssen dann in neuen Konstellationen mit neuen Zusammenhängen beruhigt werden.

Ein kleines Bild bekommt von einem großen Muster eine Ahnung von einem sehr großen Bild. Ein großes Bild kann seine unendlichen Weiten mit kleinen Mustern so strukturieren, dass die Augen sich nicht verirren. Aus sehr großem Abstand sind Muster das, was gute Pinselspuren von ganz nah sind. Alles ist ein Spiel mit der Distanz.

Das Schönste ist: ich meine die Muster gar nicht. So wie ich Pinselspuren nicht meine: die entstehen einfach, wenn ich mit Pinseln Farbe transportiere. Die Muster bedeuten gar nichts. Sie tun aber gerade deshalb Gutes.

Sieben Muster aus sieben Schablonen in sieben Farben übereinander sehen schön aus.

Das ist dann eine große Verlockung für eine Frau, da draufgemalt zu werden.

Schwierig wird es, wenn eine Madonna versucht, dort zu sitzen. Sie umfasst ja Kultur und Natur, Wünsche und Vorstellungen, Verbote und Angebote. Sie ist ja keine von meinen privaten Frauen. Sie soll aber von mir etwas kriegen, was sie in ihrem ganzen Madonnendasein noch nicht hatte. Dabei sind ihre Ansprüche die höchsten!

Da geraten dann ihre Ansprüche manchmal mit denen des Bildes aneinander und ich stehe dazwischen! In ihrem Fall ist die Idee aber so ergiebig, dass ich bereit bin, sie jahrelang mit meinen malerischen Mitteln zu verfolgen.

Warum...

Ich weiß es nicht.

Alle paar Jahre geschieht es einfach, dass eine Madonna von mir gemalt werden will. Sie ist wohl eine Beauftragte aus einer sehr alten Kultur, oder noch älter.

Ich weiß es nicht.

Ich male.

Und wenn dann plötzlich das Wesentliche auf dem Bild angekommen ist, gibt es neue Aufgaben für die Schablonen. Dann meine ich sie. Sie dienen dann nicht dem Farbtransport und der Strukturierung des Raumes. Beim Wesentlichen erhalten sie wenn alles sehr gut geht den Rang von Symbolen.

Es kann sein, dass das von Giottos Soldaten geliehene Kleidermuster, das die Madonna schmückt, nun den Wacholder tragenden Arm der schwarzen Frau stärkt. Es kann sein, dass eine Frau die Blätter in Blau in der Hand trägt, die woanders noch in Gold am Vogelbeerbaum wachsen. Und natürlich will ich nicht vermeiden, dass alles zusammen auch den Himmel der Madonna ziert.

So verwandelt sich die Schlichtheit der Schablone in symbolische Kraft.

Endlich sind die Bilder und ich gesättigt.

Die gewaschenen Schablonen trocknen auf der Heizung.

Gut erholt kehren die Pinsel zurück, haben Verstärkung vom Schilf am Teich bekommen und wagen sich an neue Aufgaben.

Dann freue ich mich, wieder Pinselspuren und Pflanzenstängelkringel, Spachtelkratzer, Gewischtes vom Tuch und friedlich aufgetragene Farbe zu sehen, und lange kein Muster.

Ich weiß aber, dass die Muster immer von irgendwoher wiederkommen.

Sie begleiten mich ja seit Kartoffeldruckszeiten.

 

 

Bericht aus der Werkstatt März 2007

Rede zur Ausstellungseröffnung in der Galerie Commeter

28. März 2007



Keine Totenköpfe!
Kein Blut!
Keine hässlichen Szenen!
Dabei fing alles wieder so gewalttätig an: Zwei würgten sich und drohten in ihren Teich zu fallen. Ophelia tauchte auf und ging wieder unter, wurde brutal abgeschliffen, jemand angelte nach ihr, andere beobachteten ihren Untergang aus dichtem Schilf heraus......
Der Kampf der Bilder dauerte den ganzen Winter. Dann waren die Formate so weit, dass sie nach Frauenköpfen riefen.

Unter jeder dieser großen Frauen steckt also ein tiefer Teich.

Gleichzeitig aber entstanden auf anderen Formaten Frauen ohne Teiche, bauten sich Häuser, entspannten sich unter eigenem Himmel- ich malte ihnen ihre Blumen, Ritter, Instrumente, schenkte ihnen Städte- oder sie mir- es war, als hätten die wilden Szenen am Teich alle Probleme auf sich gezogen. Sündenböcke. Wie praktisch! 

Ich habe in der Alten Schule von 1847 zwei Klassenräume, in denen sich die Bilder auch immer wie Schüler von 1847 benehmen müssen. Und ich habe DAS GELÄNDE. Hier arbeiten: Der alte GrossMeister, Schnecken, Fasane, Rehe, Hühner, Wildgänse, Fische, Lurche, Enten, der Fuchs------ die Bäume, die Binsen, das Wasser, die Zeit.....und ich.

Ich weise alle ein, soweit sie das zulassen.

Diese Arbeit bekommt zunehmend Ähnlichkeit mit der an den Bildern. Das Format ist vorgegeben und nun wächst alles heran und der Meister und ich greifen ein, legen die Biegungen und Sichtachsen der Wege fest, gehen in die Tiefe der Teiche, ja: auf den Grund! Es ist ein sehr großes Format. 
Die Bilder sind nicht kleiner. Sie entfalten sich im anderen Raum. Auch das kleinste Bild ist nicht klein, wenn es genug Kunst enthält. Auch hier lege ich Linien und Sichtachsen fest und habe zusätzlich die Macht über die Farben. Der Teichgrund hat mich auf eine neue Farbe gebracht: die Rückstände aller Schleifprozesse, die sich in meinem Malbecken ansammeln, ergeben neu gebunden ein so ideales Grau! Es ist ein Wunder. Ich arbeite wie die Natur!

Nichts ist so weit von der Natur entfernt wie die Kunst.

Eines Tages schreibe ich die Abhandlung: Über das Verhältnis von Natur, Kunst und Kultur.
Darin beleuchte ich Picassos Tierleben, die Bedeutung der Heimat- und Rapsmaler, die Schwächen der Anliegen- und Sozialmalerei etc und bewerte die Kunsthaltigkeit aller Werke aller Kunstschaffenden der Welt.

Aber erst mal fahre ich zurück in meine Werkstatt, grabe neue Gräben, entwerfe gewagte Wege, warte, dass die Kröten kommen und streiche dann meinen Fußboden weiß an, damit die nächste Gruppe frischer Bilder in angenehmer Umgebung heranwachsen kann.

 

 

Die Zukunft der Bilder

Rede zur Ausstellungseröffnung in der Galerie Commeter

27. November 2002

 

Zitat aus

Peter Dempf „Das Geheimnis des Hieronymus Bosch“  Verlag Eichborn 1999, S.220

„...Ihr seht, dass selbst der Umgang mit Pinsel und Farbe ein Abenteuer sein kann, und ich glaube durchaus vergleichbar mit den Entdeckungen des Genuesen Colon. Im Gegensatz dazu kann allerdings unser Seefahrer nur Dinge entdecken, die bereits vorhanden sind, während der Maler auf seinen Reisen in die Farbe die Dinge erst erfinden muss, die er gerne entdeckt hätte.“

Als meine Bilder jung und in Berlin waren, hatten ihre Frauen nicht mal Arme. Sie sind lebensgroße Figuren, die auch ohne Arme in der Lage sind, Brote zu essen und Milch zu trinken.

Immer  sind es  friedliche Frauen - sie wirken mit sehr wenig beschäftigt, haben aber genug zu tun mit dem Alltag der Symbole. Das füllt ihr Bildformat angemessen aus. Sie haben viel Nase und nur in besonderen Fällen Beine. Sie repräsentieren das Leben mit dem Kopf.

Seit einiger Zeit bemerke ich an den Bildern, wie sich eine kleine Bewegungslust einstellt.

Wie kann  ich dieses Bedürfnis nach Bewegung im Bild erfüllen, wo doch alle bildnerischen Vorgänge - alle Formen und Farben - immer noch friedlich sind und ich noch keine mir angenehmen Mittel für diese neue Aufgabe kenne. Eine Figur, die ihre Bildfläche so liebevoll ausfüllt, braucht  keinen Platz um sich zu bewegen; sie kann es nicht, sie will es nicht und soll es nicht. Sonst hätte ich es anders gemalt.

Was geschieht nun, wo Platz gebraucht wird?

Ich verachte den Horizont und die Perspektive. Ich habe kein Interesse an Verkürzungen  oder Überschneidungen - überhaupt keine Freude an Augentäuschungen. Wie gruselt mich das barocke trompe l’oeil! Wie verkrüppelt die Figuren der Renaissance mir erscheinen! Mantegna: Der liegende Jesus ganz kurzgequetscht von des Malers brutaler Perspektive!

Belanglos langweilig ist mir als Basis für ein Bild der Augeneindruck. Doch wie sehr liebe ich die Maler der Romanik, die ihr Wissen und Fühlen über die Gesetze des Sehens stellen.

Im Sommer lag ein schönes Buch über Picassos Kubismus in meiner Nähe - nach einigem Widerstand bin ich bereit, diese etwas manierierte Hirnform von Raum als gelungen zu akzeptieren.

Wie aber komme ich in MEINEN Raum?

Am besten ist, ich vertraue auf die Lebenslust meiner Frauen.

Sie entwickeln sich grade zu Protagonisten eines mir bisher noch unbekannten Spiels.

Und sie werden sich schon Platz zu schaffen wissen.

Spielplätze und Arenen hat es ja auf den Radierungen schon länger gegeben.

Ganz kleine Orte voller großer Geschichten .

Nun also bauen sich die Frauen auch auf den Bildern ihre angemessene BÜHNE.

Die Anfänge sind gemacht, das Panorama ist da und als Protagonist: die DIVA

Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Der Vorhang ist  aufgegangen.

 

                                                   Wir werden sehen.

 

 

Die Prototypen / Königstraum

Rede zur Ausstellungseröffnung in der Galerie Commeter

24. November 2004



Die Prototypen
Stirnen müssen sehr grade und niedrig sein und Nasen groß und grade. Das ist die Verwirklichung meiner Formbedürfnisse, darin bin ich zu Hause.
Zunehmend häufig kommt es vor, dass ETWAS sich einschleicht und sich verselbständigt.

 
Etwas fängt an, durch die Bilder zu wandern, Eigenleben zu entwickeln.
Das ist fremd und aufregend. Es beginnt eine Reise in weit entfernte Gebiete, die ich mir nur leisten kann, weil ich das sichere Geländer der vertrauten Formen und Techniken festhalte. Der Falkner - wer ist das, wieso kommt er aus dem Buch Friedrich II zu mir?


Die Kaktusfrau, eine siegfördernde Figur aus dem Videospiel "Final Fantasy" - was will sie von mir?

Ist Gilles von Watteau geschickt? Wartet die ganze Commedia dell'arte auf ihren Auftritt? Was wollen sie alle in meinen Bildern? Sie bedeuten mir an ihrem Ursprungsort sehr wenig. Ich habe z.B. kein Bedürfnis, das Kapitell in Anzy-le Duc zu sehen, in das "der Streit" gemeißelt wurde, oder "Final Fantasy" zu spielen oder einer Falkenbeize oder einer Theateraufführung beizuwohnen. Ich will alles selber machen.
Ich stelle Figuren nicht dar, sondern HER.

Eine regelrechte Brutstätte von Prototypen ist der linke Hügel im Bild "der Stab". Auch für mich nicht klar zu erkennen, schälen sich Figuren heraus. Der Typ mit den Röhrenbeinen wird mir noch öfter begegnen, er hat die Bühne betreten. Die Figur vorn rechts auf der Bühnenkante ist eine Helferin für alle, eine Art optische Souffleuse. Sie ist bereits fest engagiert.

Ich male und schleife und forme und es entsteht der Wanderer mit dem Stab. Plötzlich verlangt der Wanderer mit dem Stab einen Kaktuskopf, nachdem er schon alle möglichen Kopfvarianten ausprobiert hatte. Ich gebe ihm den Kaktuskopf, der schon auf seinen Auftritt gewartet hat- und es ist GUT. (Er sagt zwar immer noch nicht, ob er weggeht oder hingeht, ob er Seher ist oder Verkünder, Mann oder Frau - oder alles zugleich ---
Aber er ist DA und bereit für Abenteuer in willigen Köpfen).


Königstraum
heißt eines meiner Bilder; es gehört zu denen, die aus Burgunds Kapitellen zu mir kamen.

Da schlafen drei Könige, von Wesen bewacht. Nun bewacht es selber Wesen.

Mir sind oft Könige begegnet, aber sie haben mir nie ihren Namen gesagt.

In diesem Frühjahr wurde das anders: Ich traf Älfred.
Im ersten Teil der Kulturgeschichte des deutschen Volkes von 1886, Grothesche Verlagsbuchhandlung, sah ich auf Seite 65 die Abbildung von Älfreds Juwel. 
(Oxford,Ashmolean Museum)

" Vielleicht der Knopf seines Scepters, bestehend in einem Krystall, in den Mosaikschmelz von grüner und gelber Masse eingelegt ist und ein rohes Menschenbild darstellt; die Rückseite ist mit Gold bedeckt, in das eine Blume eingegraben ist. Die Seite zeigt die Inschrift: Aelfred mec heht gewircan (Älfred ließ mich machen.)"

Es war Liebe auf den ersten Blick.

Ich habe ihn sofort erkannt als MEINEN KÖNIG. Die flache Stirn, der freche Blick, die Blumen in den Händen - ein Fachmann!

Ich glaube, er hat mich auch erkannt. Also habe ich ihn mir gemalt. Das ist eine uralte Technik, die ich schon als Kleinkind beherrschte: Figuren bauen und beleben. Ich habe ihn also abgemalt und das Bild an die Stelle meines Ateliers gestellt, an der die Prototypen auf ihren Einsatz warten. Manche warten da Jahre lang. Älfred wartete nicht.


Älfred funktionierte sofort. Er verlangte nach Taten, nahm sein Schwert und zog in die Bilder. Sie sehen hier die allerersten und ich weiß: Es werden mehr.

 

 

 

 

Detail aus "Im Wald"

Pinsel am Teich?