Es ist ein großer Meilenstein für Edgar und seine Familie. „Der Lieblingsmoment meines Lebens war bislang mein Schulabschluss. Zu sehen, wie stolz meine Familie war, hat mich glücklich gemacht“, erzählt er begeistert. Seine Mutter sowie seine Großmutter haben ihm oft gesagt, dass Bildung der einzige Weg ist, um seine Träume zu erfüllen. Edgar möchte selbstständig sein, denn er ist der Meinung, dass Abhängigkeit die Menschen erschöpft, von denen man abhängig ist. Vor allem möchte er für ein besseres Leben für sich, seine Geschwister, seine Mutter sowie seine Großmutter sorgen.
Wie nur zur Schule kommen?
Seit Edgar sieben Jahre alt ist, lebt er bei seiner Adoptivgroßmutter Flora. Zuvor lebte er bei seiner Mutter Prudenciana. Als er noch bei seiner Mutter wohnte, arbeitete seine Mutter die meiste Zeit. Sie bereitete die Mahlzeiten vor, die Edgar dann essen konnte. Ihn allein zu lassen, fühlte sich nicht gut für Prudenciana an.
„Ich bat meine Nachbarn, auf ihn aufzupassen, wenn ich arbeiten war, aber das hat mich nicht beruhigt“, erzählt Prudenciana. „Als Edgar anfing, zur Schule zu gehen, habe ich mir noch mehr Sorgen gemacht, denn seine Schule war weit von zu Hause entfernt.“
Um zur Schule zu gelangen, musste sich Edgar mit Pendlern in einen Minibus quetschen. Jeden Tag brachte Prudenciana ihn zur Bushaltestelle und sah, dass ihr Sohn die 30-minütige Fahrt nicht gerade als spaßig empfand. Herausfordernd wurde es, als Prudenciana den Schaffner bitten musste, Edgar kostenlos mitfahren zu lassen, weil sie sich das Ticket nicht leisten konnte.
Sie wollte nicht, dass Edgar die Schule hasste. Ihr war bewusst, dass sich das negativ auf sein Lernverhalten auswirken würde. Deshalb musste sie eine bessere Lösung finden, und ihr kam eine Idee: ihre Mutter Flora. Sie wohnte viel näher an der Schule. Nach einem Gespräch der beiden war es beschlossene Sache: Edgar wurde zu seiner Großmutter geschickt. „Es war das Beste für Edgar, bei seiner Großmutter zu leben. Sie hat mich mit Liebe großgezogen, obwohl ich nicht ihr leibliches Kind war“, sagt Prudenciana.

Von Floras Zuhause war es für Edgar ein viel kürzerer Weg zur Schule. Als pensionierte Lehrerin wollte Flora ihrem Enkel vermitteln, wie wichtig Bildung ist. „Als Edgar zu mir zog, sprach ich ein leises Gebet. Ich konnte seiner Mutter nicht dazu verhelfen, ein besseres Leben zu führen. Ich bat Gott um Unterstützung für Edgar. Er musste den Bildungsweg bis zum Ende gehen“, sagt Flora.
Die Zukunft für die nächste Generation verändern
„Ich habe nichts, was ich dir geben kann; Bildung ist das einzige Erbe, das ich dir hinterlassen kann.“
Diesen Satz geben viele Eltern ihren Kindern mit auf den Weg, besonders wenn das Haushaltseinkommen der Familie niedrig ist, sie auf keine Ersparnisse zurückgreifen oder keine Vermögenswerte an die nächste Generation weitergeben können.
Die Grundschulbildung war immer kostenlos in Tansania. Seit 2016 gibt es außerdem keine Schulgebühren für öffentliche untere Sekundarschulen mehr, um die Kosten für Familien wie Prudenciana und Edgar weiter zu senken. Allerdings war der Abschluss oder der Erwerb einer Qualifikation mit Gebühren verbunden. Für die meisten Eltern sind diese zu hoch. Ohne Unterstützung beginnen viele Jugendliche deshalb unqualifiziert und unvorbereitet den Einstieg in den Arbeitsmarkt.
In ihrer Berufslaufbahn erlebte Flora häufig Schülerinnen und Schüler mit viel Potenzial, die jedoch die Schule abbrachen, weil ihre Familien sich die Gebühren nicht leisten konnten.

„Wenn ich an Edgars Zukunft dachte, wusste ich, dass wir es nicht schaffen würden – nur ich und seine Mutter. Wir brauchten Hilfe. Gott hat uns durch unsere Kirche unterstützt.“
Edgar besuchte noch die Grundschule, als er im Patenschaftsprogramm der lokalen Partnerkirche von Compassion aufgenommen wurde. Etwa 200 Kinder wurden in der Kirche umfassend unterstützt, zum Beispiel in ihrer Schulbildung.
Nach der Grundschule besuchte Edgar vier Jahr die untere Sekundarstufe. Seine Mutter und Großmutter betonten weiterhin die Wichtigkeit von Bildung. Die Mitarbeiter des Kinderzentrums, das Edgar durch das Patenschaftsprogramm regelmäßig besucht, waren eine ständige Unterstützung. Auch sein Pate ermutigte ihn durch Gebete und Bibelverse.
Mit der Unterstützung der Menschen, die ihn liebten, lernte er fleißig und blieb engagiert. Bei der Abschlussfeier der unteren Sekundarstufe freuten sich Flora und Prudenciana mit Edgar. Er hatte nun zwei Möglichkeiten: eine Berufsschule oder die höhere Sekundarstufe zu besuchen. Er entschied sich für die höhere Sekundarstufe.

„Meine Mutter und meine Großmutter waren wegen meiner Entscheidung frustriert“, sagte Edgar. „Mit der Berufsschule hätte ich früher anfangen können, Geld zu verdienen. Ich erklärte ihnen, dass mir die Universität mehr Karrierewege eröffnet und die höhere Sekundarstufe die beste Option war.“
Edgars Erbe feiern
Mit der andauernden Unterstützung besuchte Edgar für zwei Jahre ein Internat, das etwa sechs Stunden mit dem Bus entfernt war. Im Mai 2025 legte er seine Abschlussprüfung der Sekundarstufe ab, deren Ergebnis darüber entscheiden würde, ob er an der Universität zugelassen wird.
Im Juli kamen endlich seine Ergebnisse … und Edgar hatte bestanden!
Voller Freude bewarb er sich für einen dreijährigen Studiengang in Angewandter Biologie, der über das Ende seiner Förderung durch das Patenschaftsprogramm hinausgehen wird. Ohne diese Unterstützung würde Edgar Gefahr laufen, die Universität abzubrechen, noch zwei Jahre vor seinem wichtigsten Abschluss. Doch dann gab es weitere gute Nachrichten.

„Mitarbeiterin Sarah sagte mir, dass ich bald das Ende des Patenschaftsprogramms erreicht hätte, aber ich mir keine Sorgen machen sollte. Die Unterstützung würde verlängert werden, um mich während des Studiums zu unterstützen“, erklärt Edgar mit einem Lächeln. „Ich war glücklich über die Neuigkeiten. Während des Gesprächs machte ich mir keine Sorgen, denn ich hatte an anderen gesehen, dass die Unterstützung verlängert wurde.“
Das Einzige, was Edgar bedauerte, war, dass er es nicht mit den beiden Frauen feiern konnte, die in seinem Leben die größte Rolle spielen. Denn als er seinen Zulassungsbescheid für die Universität erhielt, war Edgar weit weg von zu Hause und absolvierte seinen Wehrdienst. „Ich war traurig, dass ich diesen freudigen Moment nicht mit ihnen teilen konnte. Wir haben telefoniert und sie haben mir gratuliert“, erzählt er.
Die Gesichter seiner Mutter und Großmutter waren die Ersten, die er sah, als er zurückkehrte. Sie strahlten und redeten durcheinander, weil sie ihre Freude nicht zurückhalten konnten.
Bis zu dem Tag, an dem er zur Uni aufbricht, wollten sie ihn mit Gebeten und Ermutigungen überschütten. Edgar möchte sein Erbe – Bildung – voll und ganz in Anspruch nehmen.

