Hinweis zu den Bildern: Die abgebildeten Kinder sind keine Teilnehmer des Patenschaftsprogramms.
An der Mündung des Amazonas liegt die Insel, die etwas kleiner als die Schweiz ist. Auf der Insel mit Hunderten von Wasserwegen leben etwa 500.000 Menschen. Familien bauen ihre Holzhäuser über dem Wasser, und Flüsse werden zu ihren Straßen und Hinterhöfen.
Armut und Ausbeutung prägen die Insel. Viele Kinder sind von sexuellem Missbrauch betroffen. So wird mitten in der Nacht ein neunjähriges Mädchen von ihrer Mutter zu einem Boot mit Männern gebracht. Dort verbringt das Mädchen die Nacht mit einem oder mehreren Männern. Im Gegenzug bekommt sie ein Lebensmittelpaket oder eine Flasche Speiseöl. Dies ist eine Praxis, die im Verborgenen stattfindet. Ihre Mutter erlebt selbst diesen Kreislauf, indem sie ihren Körper gegen Lebensmittel eintauscht. Bei Tagesanbruch kehren beide mit Lebensmitteln nach Hause zurück.
Die verheerenden Auswirkungen von sexuellem Missbrauch sind sowohl sichtbar als auch unsichtbar. Das Ausmaß zeigt sich in der wachsenden Zahl von Kindern, deren Mütter bereits unter sexueller Ausbeutung leiden. Die Väter der Kinder spielen meist keine Rolle.

Simone und ihr Ehemann sind seit Jahren als Missionare in der Region unterwegs. Aus erster Hand sind sie Zeugen des grausamen Kreislaufs der sexuellen Ausbeutung. „Es ist schmerzhaft zu realisieren, wie viele Menschen immer noch glauben, dass es normal ist, was Kindern widerfährt. Es fehlt an Informationen und Unterstützung. Wenn Familien Hilfe angeboten wird, können sie es oft nicht glauben. Manche leugnen es, Kinder schweigen und der Kreislauf setzt sich fort. Wir versuchen ihnen verständlich zu machen, dass ihr Körper ihnen allein gehört und dass Missbrauch niemals normal ist. Muster zu durchbrechen, die über Generationen hinweg verwurzelt sind, ist eine große Herausforderung. In vielen Familien ist Schweigen zum Alltag geworden“, erzählt Simone betroffen.
Pandemien, Piraten und Gebete
Unter den zehn Städten mit dem niedrigsten Human Development Index (HDI) in Brasilien liegen mindestens drei auf der Marajó-Insel.* Die verletzlichsten Orte auf der Insel bestehen aus Familien, die entlang von Tausenden von Kilometern an Flüssen leben, die in Brasilien als „Ribeirinhas“ (Flussgemeinschaften) bekannt sind.
Das Wasser der Flüsse ist nicht nur wegen seiner Tiefe gefährlich für die Menschen, sondern auch wegen der Piraten und Drogenhändler, die diese Routen oft nutzen. Seit Jahren ist Pastor Delson in einer Kirche am Flussufer tätig. Er hat die Kriminalität am eigenen Leib zu spüren bekommen.
„Ich fuhr auf dem Fluss, als zwei Boote voller Piraten und Schmuggler anfingen, sich gegenseitig mit Waffen zu bekämpfen. Eine der Kugeln traf mich am Kopf. Obwohl ich überlebte, habe ich mit den Folgen zu kämpfen und muss manchmal Tage im Bett verbringen. Ich gebe meinen Dienst und Einsatz in der Nachbarschaft nicht auf, trotz der Gefahren und Herausforderungen, die damit einhergehen“, berichtet Pastor Delson.

Zwischen Armut, Ausbeutung und den Gefahren ist dort auch Hoffnung und Resilienz zu spüren. Compassion Brasilien ist fest entschlossen, die Arbeit vor Ort auszuweiten – zum Schutz der Kinder in Not. Die Entscheidung, Familien in dieser Region zu unterstützen, wurde nicht leichtfertig getroffen. Erst nach sorgfältiger Recherche, der Auswertung von Studien und dem Gebet des Leitungsteams von Compassion Brasilien begannen sie ihre Arbeit.
„Unsere Vision für diese Region begann unmittelbar nach der Pandemie, als wir über die Zukunft Brasiliens nachdachten und darüber, wo unser Einsatz am wichtigsten sein könnte“, betont Vanessa Viotti, Leiterin von Compassion Brasilien. „Bei unseren Recherchen zu sozialen Indikatoren fanden wir heraus, dass Marajó zu den am stärksten benachteiligten Gebieten gehört. Wir untersuchten die sozialen und politischen Bedingungen und fragten uns, warum die Region so lange vernachlässigt worden war. Was wir entdeckten, war eine harte Realität, geprägt von der Ausbeutung von Kindern und der Umwelt.“
Neue Grenzen erkunden
Der erste Schritt, um die Arbeit in der Amazonas-Region auszuweiten, war eine Reise in die Region, die dabei helfen sollte, die Gegebenheiten und die Situation vor Ort zu verstehen, mit den Vertretern der Orte in Kontakt zu kommen, potenzielle Partner zu identifizieren, logistische Routen zu planen und die Herausforderungen bei der Umsetzung der Programme von Compassion an diesem abgelegenen und ressourcenarmen Ort zu bewerten.

Während dieser Reise haben Viotti und ihr Team viele Herausforderungen beobachtet, mit denen die Menschen dort konfrontiert sind. Der Zugang zu sauberem Trinkwasser stellte eine große Hürde dar, obwohl sie von Flüssen umgeben sind, ebenso wie die Schwierigkeit, Lebensmittel zu kaufen. Laut den Bewohnern haben viele Familien, die ihre Häuser entlang des Flusses gebaut haben und Zugang zu Land haben, einige Lebensmittel für den Eigenbedarf. Familien, die jedoch von Wasser umgeben sind und kein Land zum Bebauen haben, sind weitaus anfälliger für Hunger und Ausbeutung.
„Wir sahen keine einzige Gesundheitsklinik oder kein Krankenhaus, als wir mit dem Boot stundenlang durch die Region fuhren. Wir stießen nur auf eine einzige Schule. Es war deutlich, wie begrenzt der Zugang zu Grundrechten ist. Das unterstreicht, wie dringend die Unterstützung hier ist“, sagt Viotti.
Die Not und der Bedarf der Orte stellen die Leitung von Compassion Brasilien vor die Herausforderung, realisierbare Strategien für die Umsetzung des Programms in Gebieten mit begrenzten materiellen und personellen Ressourcen, eingeschränktem Internetzugang und langen Distanzen, die nur mit dem Boot zurückgelegt werden können, zu entwickeln.
„Der Besuch in der Region ermöglicht es uns, die logistischen Herausforderungen bei der Umsetzung des Programms von Compassion in diesen Orten besser zu verstehen. Compassion arbeitet daran, Programme zu entwickeln, die zunehmend kontextbezogen und effektiv sind und auf die spezifischen Bedürfnisse der einzelnen Orte zugeschnitten sind“, sagt Patrícia Palhano, Senior Managerin für Programmunterstützung bei Compassion Brasilien.

Nachdem das Team seine Besuche vor Ort beendet hatte, war es voller Zuversicht für die Zukunft dieser Region. Es gibt noch viel zu tun, bevor die Zusammenarbeit mit den lokalen Kirchen beginnen kann. Dennoch bleibt Compassion seinem Engagement treu, die Schwächsten der Gesellschaft zu unterstützen, damit kein Kind mehr gezwungen ist, im Dunkeln ein Schiff zu besteigen und seinen Körper für eine Mahlzeit zu verkaufen. Der Grundstein für langfristige Partnerschaften ist gelegt, um der Not von Kindern und ihren Familien zu begegnen.
„Leider war die Insel Marajó oft Ziel von Fake News. Einige Organisationen kommen hierher, machen Fotos und Videos und kehren nie wieder zurück. Wir wollen dieses Muster nicht wiederholen – wir wollen wirklich etwas bewegen“, sagt Direktorin Viotti.
„In nur einer Woche haben wir viele Kirchen besucht und mit Leitern gesprochen, die bereits in ihren kleinen Gemeinden etwas bewirken, obwohl sie nur über sehr begrenzte Ressourcen verfügen. Wir haben gesehen, dass Gottes Reich hier bereits wirkt, und wir hoffen, diese Kirchen weiter unterstützen zu können.“
* https://www.undp.org/pt/brazil/atlas-dos-municipios?
Bericht und Fotos: Sara Navarro, Compassion Brasilien

