Zerbrochene Kindheit
Das Dorf von Chief Chinyaku liegt etwa 28 Kilometer von der nächstgelegenen Bezirksstadt entfernt. Die Straße, die dorthin führt, gleicht einer Schotterpiste, die von Maisfeldern und Viehweiden umgeben ist. Die meisten Menschen produzieren oder bauen hauptsächlich für den eigenen Bedarf an. Oft gibt das Land etwas her, doch es reicht nicht immer zum Leben.
Wirtschaftliche Schwierigkeiten, eingeschränkter Zugang zu Dienstleistungen und Abgeschiedenheit haben das tägliche Leben geprägt. Armut ist jedoch nur ein Teil der Geschichte gewesen.
„Ehrlich gesagt haben Jugendliche früher viel Alkohol getrunken.“ Alkoholmissbrauch war weit verbreitet. Viele junge Menschen verbrachten ihre Stunden damit. Vulgäre Sprache wurde genutzt. In Familien ließ die Erziehung nach. Kinder und Jugendliche orientierten sich an dem Verhalten, das sie beobachteten, und es normalisierte sich langsam. Dadurch geriet einiges ins Wanken und prägte die nachfolgenden Generationen.
„In meinem Ort gab es viele Kinderehen“, erzählt Chief Chinyaku, was für ihn immer sehr schmerzhaft ist. Mädchen wurden verheiratet, obwohl sie auf allen Ebenen noch zu jung waren. „Ich erinnere mich daran, dass einige jung schwanger wurden und die Sterblichkeitsrate unter ihnen stieg“, berichtet Chief Chinyaku. Beisetzungen wurden zu vertrauten Zusammenkünften. Familien trauerten um ihre Töchter, deren Leben gerade erst begonnen hatte.

Die Bildung der Kinder und Jugendlichen hat stark gelitten. Besonders Mädchen brachen die Schule ab, die Jungs verloren oft die Orientierung. Die unbeschwerte Kindheit, die Kinder eigentlich erleben sollten, verloren sie viel zu früh. Stattdessen mussten sie die Verantwortung und Sorgen der Erwachsenen übernehmen.
Chief Chinyaku, der immer an die Zukunft seines Stammes geglaubt hat, beobachtete, wie das Potenzial in vielen Kindern und Jugendlichen langsam verblasste. Für ihn war das herzzerreißend.
Eine schwere Last
Chief Chinyaku versuchte, einzugreifen. Er setzte traditionelle Regeln, Strukturen und Ordnung ein. Wenn sich ein Kind schlecht benahm, wurden die Eltern vorgeladen und zur Rechenschaft gezogen. Gemeinschaftsstrafen wurden eingeführt. Die Erwartungen wurden klar kommuniziert. Zusätzlich arbeitete er mit staatlichen Stellen zusammen, um Kinderehen zu verhindern. Doch die Probleme waren tief verwurzelt.
„Ich habe mein Bestes gegeben. Meine Bemühungen schienen nicht auszureichen, um alle Probleme zu beheben“, gibt er zu. Armut, kulturelle Muster und schlechte Angewohnheiten wie Alkoholmissbrauch, haben sich in den Alltag vieler Haushalte geschlichen.
Chief Chinyaku trug die Last auf seinen Schultern, fühlte sich aber oft allein angesichts der vielen Herausforderungen. Er wünschte sich, dass Kinder in einem geschützten Umfeld aufwachsen, Mädchen die Schule abschließen und in ihren Familien ein würdevolles Leben führen können.
Eine Partnerschaft bringt die Wendung
Es musste sich etwas ändern. Die lokale Kirche strebte eine Zusammenarbeit mit Compassion an. Bevor diese offiziell starten konnte, traf sich ein Team von Compassion mit Chief Chinyaku. Bei nachhaltigen Entscheidungen wird er als Stammesführer immer mit einbezogen.

Das Gute: Er muss nicht mehr allein kämpfen. Die Leiter der Kirche und des Ortes wollten gemeinsam gegen all die Herausforderungen vorgehen, mit denen besonders Kinder konfrontiert sind.
„Das Team von Compassion kam, um Chief Chinyaku zu besuchen. Ihm war bewusst, in welchem Zustand der Ort war, und er wollte etwas dagegen tun. Er sagte dem Team, dass die Kinder nicht zur Schule gingen und keinen Schutz erfuhren. Außerdem fragte er, ob ein Zentrum gegen geschlechtsspezifische Gewalt gebaut werden könnte“, berichtet Pastor Shem vom jetzigen Compassion-Kinderzentrum der lokalen Partnerkirche.
Tatsächlich begann einige Zeit später der Bau genau eines solchen Zentrums. Es sollte zu einem sichtbaren Zeichen werden, dass schädliche Praktiken nicht mehr unkontrolliert bleiben würden.

„Mit der Eröffnung des Zentrums haben alle Angst, ein Verbrechen zu begehen“, erklärt Chief Chinyaku. Nun wurden sie tatsächlich zur Verantwortung gezogen. Fälle konnten gemeldet werden.
Bei vielen Bewohnern des Ortes nahm das Bewusstsein zu, dass Kinderehen und Missbrauch verheerende Konsequenzen haben. Allmählich begann sich auch ihr Verhalten zu ändern. Eltern wurden engagierter. Andere Stammesführer und Regierungsbehörden machten sich gezielt stark für Kinderschutz und Bildung.
„Unsere Zusammenarbeit mit Chief Chinyaku hat die Tür für eine Partnerschaft geöffnet, da wir voneinander abhängig sind. Wenn der Stammesführer etwas braucht, wendet er sich an uns, und wir tun das als Kirche gleichermaßen“, betont der Pastor.
Rückkehr von Zuversicht und Bildung
„Jetzt haben Mädchen die Möglichkeit, die weiterführende Schule abzuschließen und ein Studium aufzunehmen“, so Chief Chinyaku.
Wo Kinderehen einst Träume unterbrachen, füllen sich nun wieder die Klassenzimmer. Kinder kehren in die Schule zurück und nehmen an verschiedenen Aktivitäten der Kirche teil.

Die Zusammenarbeit sorgt auch dafür, dass Familien, Menschen mit Behinderung, ältere Menschen sowie Kinder mit praktischen Bedürfnissen versorgt werden. Sie erhalten Lebensmittelpakte mit zum Beispiel Reis, Zucker und Speiseöl.
„Ohne solch eine Unterstützung wären viele an den Folgen von Hunger gestorben“, sagt Chief Chinyaku schlicht.
Veränderung wird sichtbar
Wenn Familien gestärkt werden, schöpfen sie wieder Zuversicht, und Kinder wachsen in sicheren Umgebungen auf. Heute geht Chief Chinyaku durch sein Dorf und sieht sichtbare Veränderungen. Er sieht Mädchen, die die Schule abschließen. Er sieht, dass Familien sich der Verantwortung bewusster sind. Er sieht Kinder, die Fußball spielen. Er sieht Strukturen, die schützen, statt bloßzulegen.
„Das Compassion-Kinderzentrum hat die Last für die Menschen in meinem Ort verringert“, reflektiert er. Jahrelang trug er die Last der Verantwortung, ohne viel Unterstützung zu haben. Jetzt arbeitet er mit der Kirche, dem Zentrum gegen geschlechtsspezifische Gewalt und den Kirchenleitern zusammen – und sie alle teilen dieselbe Vision: Kinder aus Armut zu befreien. Nach 48 Jahren als Chief ist Chinyaku nicht mehr von Sorge überschattet. Er beobachtet die Kinder, wie sie fröhlich spielen. Die Veränderung in seiner Nachbarschaft zu beobachten, bedeutet für Chief Chinyaku eine sichere Gegenwart und eine stärkere Zukunft.

