Von gleichaltrigen Kindern ist Sirirat umgeben, die wie sie keine Staatsangehörigkeit nachweisen können. Im Compassion-Kinderzentrum sind ihre Tage geprägt von Unterricht, leckeren Mahlzeiten und einem sicheren Ort zum Leben. Dort finden Kinder und Jugendliche Schulbildung und eine echte Chance auf eine Staatsbürgerschaft. Für die 8-Jährige ist das Kinderzentrum wie eine Brücke – von einer unsicheren Gegenwart in eine Zukunft mit Rechten und Möglichkeiten.
Sirirat kommt aus einem abgelegenen Ort, der aus Holz- und Bambushütten mit Strohdächern besteht. Dort bietet die örtliche Schule Unterricht bis zur vierten Klasse an – ohne anerkannten Abschluss. Die weiterführende Schule in der Grenzregion ist teuer, weit entfernt und erfordert meist eine Unterbringung im Internat. Familien können es sich meist nicht leisten, die Schulbildung ihrer Kinder zu finanzieren. Bildung bedeutet hier, schmerzhafte Entscheidungen zu treffen.
„Mädchen werden früh verheiratet oder zum Arbeiten in eine andere Stadt geschickt. Arbeitsvermittler verlangen oft hohe Gebühren. Kinder, die mit ihnen gehen, verschwinden häufig spurlos und kehren nie zurück“, sagt Nicom, Mitarbeiter eines Compassion-Kinderzentrums in Thailand. Viele Menschen in Sirirats Umgebung erkennen diese Gefahren des Menschenhandels nicht, weil sie nie über ihre Rechte oder Schutzmöglichkeiten aufgeklärt wurden.

Unterdessen haben Konflikte Dörfer wie das von Siririat verwundbar gemacht. Viele Familien haben im Wald Zuflucht gesucht, ihre Häuser stehen fast leer. Wenn Kinder aus dem Kinderzentrum während der Schulferien nach Hause zurückkehren, reisen sie mit dem Boot und dem Motorrad und gehen manchmal zwei oder drei Stunden auf beschwerlichen Wegen zu Fuß. Die Besuche dauern im Heimatort dauern nur wenige Tage.
Ein Wohnheim, das auf Vertrauen basiert
Als die lokale Kirche von Compassion eine Satelliteneinheit in dem Ort eröffnete, weitete das Compassion-Kinderzentrum seine Arbeit aus. Die Kirche errichtete ein Wohnheim für Kinder in der Grenzregion, das von einem Ehepaar geleitet wird, das sich um die Kinder kümmert.
Mittlerweile dient es nicht nur als Kinderzentrum und Wohnheim für die Kinder, die am Compassion-Patenschaftsprogramm teilnehmen, sondern als Koordinationszentrum für Kinderschutz in der Grenzregion – um Kinder vor Gewalt und Menschenhandel zu schützen.
Regelmäßig besuchen die Compassion-Mitarbeiter die Familien zu Hause und fragen, ob sie ihre Kinder im Patenschaftsprogramm registrieren möchten. Darüber hinaus klären sie die Eltern über Bildung und Kinderschutz auf. Ein solcher Besuch hat auch Sirirats Eltern überzeugt, Sirirat dort anzumelden. Sie konnten beobachten, wie das Kinderzentrum sich um andere Kinder kümmert. So schenkten Sirirats Eltern den Compassion-Mitarbeitern das Vertrauen, ihre Tochter zu beschützen.
Sirirat war sieben Jahre alt, als sie ins Wohnheim zog und begann am Compassion-Patenschaftsprogramm teilzunehmen. Sie ist das dritte von fünf Kindern ihrer Familie. Ihre zwei älteren Geschwister gehen in einem anderen Ort zur Schule, während ihre zwei jüngeren Geschwister bei den Eltern zu Hause bleiben.

Das Team des Kinderzentrums unterstützt Kinder und Jugendliche auf ganzheitliche Weise – physisch, geistlich und sozial-emotional.
„Die Hilfe und Unterstützung durch Compassion betrifft alle Lebensbereiche. Wir unterstützen bei wichtigen Dokumenten und Verfahren, die für die Zukunft benötigt werden, um die thailändische Staatsbürgerschaft zu beantragen“, sagt Nicom.
Der Beginn neuen Lebens
Im Wohnheim anzukommen, war ein Gefühlsmix aus Vorfreude und Nervosität für Sirirat. „Ich habe mich sehr gefreut, aber ich war auch nervös, weil ich kein Thailändisch spreche“, erzählt Sirirat. Sie hatte das Glück, bereits in jungen Jahren dort eingeschult zu werden. Einige ältere Mädels aus ihrem Heimatort waren ebenfalls dort und halfen ihr bei den Hausaufgaben und die Sprache zu lernen. So auch die15-jährige Kannapa: „Sirirat bittet mich meist bei den Hausaufgaben auf Thailändisch um Unterstützung.“ Ihre Freundschaft hilft ihnen, sich in der fremden Umgebung besser zurechtzufinden.
Die meisten Kinder und Jugendlichen, die am Compassion-Programm teilnehmen, leben bei ihren Familien. Wohnheime wie das in der Grenzregion sind eine Ausnahme. Das Wohnheim ist an die lokale Kirche angeschlossen und richtet sich an Kinder und Jugendliche, die in der Grenzregion besonderen Risiken ausgesetzt sind. Es bietet ihnen Bildung und Schutz – und damit langfristige Perspektiven.
Im Wohnheim sollen die Kinder und Jugendlichen lernen, füreinander zu sorgen. Die Jugendlichen werden dazu bestärkt, die jüngeren Kinder zu unterstützen, zu trösten und ihnen Tipps zu geben. „Wir ermutigen die Jugendlichen, eine Art Bruder-Schwester-Rolle zu übernehmen, um die jüngeren Kinder zu unterstützen“, betont Nicom. Er erklärt auch, wie das Team ältere Jugendliche schult, die richtigen Lebensentscheidungen zu treffen, damit sie nicht in Fallen gelockt zu werden. „Wir sprechen mit den Jugendlichen, ermutigen sie, nicht zu früh zu heiraten. Manche geraten in gefährliche Situationen. Wir bestärken sie darin, die Schule zu besuchen und einen Schulabschluss zu erlangen.“

Darüber hinaus erläutert Nicom, dass sich häufig Mädchen aus einkommensschwachen Familien sich entmutigt fühlen, wenn sie die thailändische Schule besuchen und mit Sprachproblemen kämpfen. Manche kehren dann wieder in die Grundschule zurück. Das kann zur psychischen Belastung werden, Unsicherheit auslösen und im schlimmsten Fall zu einer viel zu frühen Ehe oder prekären Arbeitsverhältnissen führen.
Lebenswege nachhaltig verändern
Die Rolle des Kinderzentrums als Koordinationszentrum für Kinderschutz bedeutet, dass seine Mitarbeiter mit Kirchen und Behörden zusammenarbeiten, um Gefahren und Risiken frühzeitig zu erkennen. Gemeinsam wollen sie Alternativen aufzeigen durch Schulungen und Aufklärung, Schutzunterkünfte und Rechtsberatung.
Für Sirirat ist das Kinderzentrum mit dem angeschlossenen Wohnheim zu einem Zuhause geworden. Natürlich vermisst sie ihre Familie und ihren Heimatort, aber sie genießt auch die Zeit im Kinderzentrum: die Mahlzeiten und leckeren Snacks sowie die Gemeinschaft, die ihr Geborgenheit und ein Gefühl der Zugehörigkeit vermittelt.
„Im Wohnheim nenne ich die Mädchen meine Schwestern. Ich fühle mich nie allein, weil sie immer für mich da sind und mich bei allem unterstützen. Ich habe viele Freunde hier“, sagt Sirirat fröhlich.

Praktische Unterstützung – etwa durch Schulbildung, Sprachunterricht und Rechtsberatung – sowie emotionale Begleitung geben Kindern Halt, die zuvor von Unsicherheit geprägt waren.
Durch die individuelle Begleitung und Förderung, haben die Kinder die Chance auf einen anderen Lebensweg. Anstatt die Schule frühzeitig abzubrechen, um zu arbeiten, zu heiraten oder in die Armee rekrutiert zu werden, können Kinder wie Sirirat weiter die Schule besuchen. So liegt eine Zukunft vor ihnen, in der sie Wahlmöglichkeiten und Rechte haben. Über die formale Schulbildung können sie zudem die thailändische Staatsbürgerschaft beantragen. Das verändert nicht nur das Leben eines Kindes, sondern auch die Aussichten der ganzen Familie.
In einer Region, in der die Kindheit oft von Armut, Konflikten und Ausbeutung geprägt ist, schaffen die Compassion-Kinderzentren einen sicheren Ort und soziale Anerkennung.
Für Sirirat beginnt der Weg aus einem Leben ohne rechtliche Zugehörigkeit hin zur Staatsbürgerschaft mit einem Bett im Wohnheim. Im Kinderzentrum der lokalen Kirche findet sie Mädchen, die wie Schwestern sind, den Zuspruch der Mitarbeiter und eine ganze Organisation, die sich dafür einsetzt, dass staatenlose Kinder geschützt werden, Bildung erhalten und ihren Platz in der Gesellschaft finden.

Bericht und Fotos: Piyamary, Compassion Thailand

