Nachdem die Jungs auf den Herd geschaut haben und ihrem Geruchssinn folgen, wissen sie bereits, was sie vorfinden werden oder besser gesagt: was sie nicht vorfinden werden. Der Hunger ist Teil ihres Alltags geworden.
Der sechsjährige Juan und der neunjährige Carlos haben kaum Energie und machen sich langsam fertig für die Schule. Der schwierigste Teil kommt noch: der Schulweg. An manchen Tagen ist der Hunger so groß, dass Carlos schwindelig wird und er sich gezwungen sieht, eine Pause zu machen, um Kraft zu sammeln. Manchmal wird er auch bewusstlos.

Gemeinsam mit ihren Eltern, drei weiteren Geschwistern und einer Nichte leben Juan und Carlos in der Dominikanischen Republik. Ihre Mutter Santa kümmert sich um die Kinder, während ihr Vater Juan Carlos jeden Morgen das Haus verlässt, um nach Arbeit zu suchen. Manchmal wird er angeheuert, um Ziegelsteine zu schleppen, auf dem Bau auszuhelfen oder auf einem Bauernhof zu arbeiten. An einem guten Tag verdient er etwa 1.200 RD$ (rund 17 Euro). In einer guten Woche findet er an drei Tagen Arbeit.
„Wenn ich nicht arbeite, haben wir nichts zu essen“, erklärt Juan Carlos. „Um drei gute Mahlzeiten pro Tag zu haben, braucht es zwischen 1.000 und 2.000 RD$ (14 bis 28 Euro). Das ist für uns unerreichbar.“

Bei der Auswahl ihrer Lebensmittel haben sie nur eines im Sinn: das Überleben. Reis und Eier sind oft die einzig erschwinglichen Optionen für Familien in Armut. Fleisch, Gemüse und Obst sind selten. An den meisten Tagen müssen Familien mit nur einer Mahlzeit auskommen. An einem sehr guten Tag haben sie Brot und Kaffee zum Frühstück, auch für die Kinder – unabhängig von ihrem Alter.
Nach aktuellen Angaben des Welternährungsprogramms WFP sind in der Dominikanischen Republik 14 Prozent der Bevölkerung von Ernährungsunsicherheit betroffen. Ein Drittel der Haushalte hat keinen ausreichenden Zugang zu einer ausgewogenen Ernährung. Armut trifft besonders Familien in ländlichen und von Naturkatastrophen betroffenen Regionen.[i]

„Eines der schwersten Dinge ist es“, erzählt Santa, „meine Kinder sagen zu hören: ‚Mama, ich habe Hunger.‘ Manchmal entscheiden mein Mann und ich uns dafür, nichts zu essen, damit unsere Kinder wenigstens eine gute Mahlzeit haben.“
Die Auswirkungen des physischen Hungers betreffen jeden Teil des Lebens. Kinder, die nicht ausreichend zu essen bekommen, können sich im Unterricht nicht konzentrieren. Sie ziehen sich gedanklich zurück, werden müde und emotional überfordert. Hunger beeinträchtigt ihren Körper, ihre Energie und ihre Gesundheit, ihr Lernen und ihre Fähigkeit, einfach nur Kinder zu sein.
Der Unterschied einer Mahlzeit
Der Welternährungstag 2026 steht unter dem Motto „Innovate today. Nourish tomorrow.“ Die Geschichte der Brüder zeigt, dass Innovation dabei nicht nur technischer Fortschritt bedeutet, sondern konkrete und praktische Unterstützung vor Ort. Darüber hinaus wird Wissen vermittelt und die Familien werden ermutigt und gestärkt.
Die lokalen Partnerkirchen von Compassion stellen bereits Lebensmittelpakete für Kinder und ihre Familien bereit, um der Not zu begegnen. Familien wie die von Juan und Carlos erhalten regelmäßig Lebensmittelpakete, die u. a. Reis, Eier, Milch, Haferflocken, Zucker, Salz, Öl, Weizen, Maismehl, Brot, Bohnen, Nudeln, Gemüse und manchmal Hähnchen oder Schweinekoteletts enthalten. Das sind Lebensmittel, die sie sich sonst nicht leisten könnten oder zumindest nur sehr selten. Das Lebensmittelpaket reicht für maximal drei Tage.

„Das erste Mal, als wir ein solches Paket erhalten haben, haben wir Gottes Gegenwart gespürt. Wir waren so glücklich. Wir hatten Milch, Hähnchen und Müsli. Es war ein Segen, der direkt aus Gottes Herzen kam“, erinnert sich Santa.
Nach der Schule kommen viele Kinder und Jugendliche ins Kinderzentrum gerannt, sind fröhlich und freuen sich darauf, etwas zu essen. Manche sagen es ganz offen: „Ich komme her, weil ich Hunger habe.“ Die Mitarbeiter des Kinderzentrums haben ein Lächeln im Gesicht, weil sie die tiefere Wahrheit hinter diesen Worten verstehen. Sie wissen, dass sie in der Kirche eine besondere Möglichkeit haben, durch Mahlzeiten die Liebe Jesu weiterzugeben.
Und während alle etwas essen, passiert etwas Wunderschönes. Die Kinder, die verschlossen waren und sich zurückgezogen hatten, beginnen zu lachen. Sie knüpfen Freundschaften, bringen sich ein und spielen. Sie fühlen sich gesehen und geliebt.
„Wir geben ihnen nicht nur etwas zu essen“, sagt Rosi. „Wir wollen dazu beitragen, dass sie sich sicher, wertgeschätzt und frei fühlen, einfach Kinder zu sein.“ Das ist der Unterschied, den eine Mahlzeit macht.
Carlos‘ und Juans Teller sind nicht mehr leer. Durch die lokale Compassion-Partnerkirche ist Hoffnung nicht länger fern, denn Liebe begegnet ihnen jetzt direkt am Tisch.
Bericht und Foto:
Yrahisa Mateo, Compassion Dominikanische Republik

