Der Wendepunkt in Karamoja

Langsam trockneten die Felder aus, die Ernte verdorrte. Viele Menschen waren so verzweifelt, dass sie alles aßen, was sie finden konnten – auch Wüstendatteln. Auch Antoneta und ihre Familie, die in einer ländlichen Region im Nordosten von Uganda leben. Ich hatte Magenschmerzen und Durchfall, als ich das Ekamogo gegessen habe“, erzählt Antoneta. „Erst habe ich mich gut gefühlt, aber später dachte ich, ich müsste sterben. Irgendwann gewöhnt sich der Körper daran.“ Vor Ort ist die Wüstendattel als Ekamogo bekannt. Einige Pflanzenteile enthalten giftige Saponine, die für den Menschen gefährlich sein können.  

 

Der Wendepunkt in Karamoja

Langsam trockneten die Felder aus, die Ernte verdorrte. Viele Menschen waren so verzweifelt, dass sie alles aßen, was sie finden konnten – auch Wüstendatteln. Auch Antoneta und ihre Familie, die in einer ländlichen Region im Nordosten von Uganda leben.

Ich hatte Magenschmerzen und Durchfall, als ich das Ekamogo gegessen habe“, erzählt Antoneta. „Erst habe ich mich gut gefühlt, aber später dachte ich, ich müsste sterben. Irgendwann gewöhnt sich der Körper daran.“ Vor Ort ist die Wüstendattel als Ekamogo bekannt. Einige Pflanzenteile enthalten giftige Saponine, die für den Menschen gefährlich sein können.  

Der dürreresistente Baum sprießt besonders in der Trockenzeit. Auch Antonetas Familie aß davon. Alle wurden krank. Jeden Tag dachte Antoneta darüber nach, wie sie an Lebensmittel für ihre Familie kommen konnte. Sie überlegte sogar eigene Lebensmittel anzubauen. Da ihre Kultur jedoch stark von der Viehhaltung geprägt ist, zeigten die Menschen in ihrem Heimatort nur ein geringes Interesse an landwirtschaftlichen Tätigkeiten. Niemand wollte Antonetas Familie unterstützen. „Wir wussten wenig über das Anpflanzen oder die Bewirtschaftung. Wir hatten zwar Land, aber kein Wissen, gesteht Antoneta. 

Extreme Armut  ein ländliches Problem?

Armut und Hunger sind überall zu finden. In den großen Metropolen sowie in den ländlichen Regionen. Weltweit leben rund 70 Prozent der Menschen in extremer Armut auf dem Land. Für Menschen in Afrika, die südlich der Sahara leben, ist die Situation besonders dramatisch. Dort leben über 306 Millionen in ländlichen Gebieten in extremer Armut. Auch in Südasien leben weitere 85,5 Millionen Menschen in extremer Armut.i

Die Herausforderungen sind komplex. In vielen ländlichen Regionen fehlt es an Infrastruktur. Es gibt keinen Zugang zu Bildungsangeben oder medizinischer Versorgung. Hinzu kommen extreme Wetterbedingungen, Konflikte und wirtschaftliche Krisen, die die Situation von vielen Familien erschweren. Sie können sich weder ausreichend noch ausgewogen ernähren. Im Jahr 2025 litten etwa 673 Millionen Menschen unter chronischem Hunger.ii  

Experten gehen davon aus, das moderate Armut in ganz Asien und in afrikanischen Ländern südlich der Sahara auf einem hohen Niveau bleiben und vorwiegend in ländlichen Gebieten auftreten wird. Die Grenze für moderate Armut liegt in Ländern mit mittlerem bis niedrigem Einkommen bei 4,20 pro Tag.iii

Was überraschen mag: Weltweit bewirtschaften Kleinbäuerinnen und Kleinbauern mindestens 30 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen, häufig mit weniger als 20 Hektar. In Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen liegt ihr Anteil sogar deutlich höher.iv 

Ländliche Räume müssen gestärkt werden, um Armut und Hunger zu bekämpfen. Wenn der Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung und die Infrastruktur gestärkt werden, trägt dies zu einer besseren Zukunft von Kindern bei.  

Ein Hoffnungsschimmer 

„Nein“ sagen – genau das sollen Kinder lernen. Denn ihre Stimme zählt. Was ihnen auf dem Herzen liebt, sollen sie selbstbewusst äußern und melden, wenn sie in Gefahr sind.  

Für Antoneta, ihren Mann Moses und den gemeinsamen Sohn Timothy kam diese Stärkung durch das Kinderzentrum, das 2023 in einer lokalen Partnerkirche von Compassion eröffnete. Timothy wurde im Compassion-Patenschaftsprogramm aufgenommen.   

Paul, Leiter des Kinderzentrums, versuchte sich im ersten Monat einen Überblick zu verschaffen: „Ich habe versucht, die Familien besser kennenzulernen. Dabei habe ich erfahren, dass Moses ein Viehräuber war. Bei vielen Menschen im Ort war er daher unbeliebt.“   

Viehraub stellt seit Jahren eine große Herausforderung in der Region dar. Wie viele andere junge Männer, lernte Moses früh, dass er Rinder von anderen stehlen muss, um selbst für seine Familie sorgen zu können.   

In seiner Kultur sind Männer polygam. Die Anzahl der Kühe bestimmt, wie viele Frauen ein Mann heiraten kann und daher sind Kühe von unschätzbarem Wert. Die Kühe können verkauft werden, vom Erlös können Lebensmittel gekauft werden, oder er kann als Mitgift bei Hochzeitszeremonien verwendet werden.  

Obwohl solche Überfälle riskant waren und einige von Moses‘ Freunden starben, war es der einzige Weg, den er sah, um für seine Familie zu sorgen. „Wann immer wir nichts zu essen hatten, habe ich die Tiere oder Lebensmittel von anderen Leuten gestohlen“, sagt Moses.  

Für Mitarbeiter Paul war Moses mehr als das, was viele auf den ersten Blick sahen. Er sah keinen Dieb in ihm, sondern einen Mann der Unterstützung brauche.  

 „Paul war im Kinderzentrum immer freundlich zu mir“, erzählt Moses. „Er hat mich kennengelernt, mich ermutigt und mit mir gebetet. Er sagte mir, ich solle mit den Raubzügen aufhören und mich auf die Landwirtschaft konzentrieren, um meine Familie zu versorgen. Ich sagte ihm, dass ich es nicht schaffen würde, doch er erwiderte: Lasst uns beten. Gott wird dir Türen öffnen. 

Wie ländliche Regionen gestärkt werden können 

Die meisten Menschen in extremer Armut leben auf dem Land. Expertinnen und Experten sind sich einig: Ländliche Regionen müssen gestärkt werden, um Hunger und Armut zu bekämpfen.v Was brauchen Menschen, damit sich ihre Lebensgrundlage verbessert? Oft sind es die Dinge, die für uns in Deutschland selbstverständlich erscheinen: sauberes Wasser, eine befestigte Straße ohne Schlaglöcher, eine Arztpraxis, die erreichbar ist, eine Schule, aus der Kinder nicht fortgeschickt werden, weil die Schulgebühren von den Eltern nicht gezahlt werden können. Doch eine schlechte Infrastruktur verwehrt ihnen den Zugang zu genau diesen Dingen. Denn eine aktuelle Analyse der Welthungerhilfe zeigt, dass rund 60 Prozent der Menschen in Subsahara Afrika in ländlichen Regionen leben.vi Sie leben weit weg von Straßen, Kliniken und Schulen. Es zeigt sich immer wieder: Wo Straßen gebaut werden, Zugang zu medizinischer Versorgung gewährleistet wird und alle Kinder in Schulen lernen können, verändert sich das Leben von Familien.  

Genauso wichtig wie Infrastruktur ist die Landwirtschaft. Sie ist für viele Familien, Grundlage ihres Lebens und ein wichtiges Instrument zur Einkommensgewinnung. Ein Weltbank-Bericht betont, dass Wachstum aus der Landwirtschaft zwei- bis viermal wirksamer ist bei der Reduzierung von Armut als Wachstum aus anderen Bereichen. Wo Kleinbäuerinnen und Kleinbauern mehr ernten, leben mehr Menschen oberhalb der Armutsgrenze.vii Wer mehr erntet, kann seine Familie besser versorgen, Teile der Ernte verkaufen und im besten Fall das eigene Wissen an andere in der Nachbarschaft weitergeben.  

Damit all das gelingen kann, müssen Infrastruktur, Landwirtschaft, Bildung und Gesundheit zusammengedacht werden. Nicht als Einzelmaßnahmen, sondern als Teile eines Ganzen.  

Neue Möglichkeiten

Gemeinsam mit den lokalen Partnerkirchen möchte Compassion Kinder und ihre Familien ganzheitlich unterstützen. Diese Vision teilt auch Paul. Als das Kinderzentrum sein einjähriges Bestehen feierte, wollte er etwas tun, um Familien wie Moses und Antoneta zu einem besseren Leben zu verhelfen.  

Von einem Mitarbeiter des Compassion-Landesbüros hörte Paul von einem Pilotprojekt, das sich in der Region mit nachhaltiger Landwirtschaft beschäftigt. Er wollte unbedingt, dass sein Kinderzentrum darin eingebunden wird und schaffte es, dass das Projekt den Familien das Konzept der „Perma-Gärten“ vorstellte. Ziel ist es, selbst tragende Gärten zu schaffen, die Familien dabei unterstützen, ihre eigenen Lebensmittel anzubauen.  

In der Kirche wurden vier Gruppen mit mindestens 30 Personen gebildet. Diese Gruppen bestanden zu 80 Prozent aus Familien, deren Kinder ins Kinderzentrum der Kirche gehen und 20 Prozent aus Kirchenmitgliedern. Alle erhielten dort praktische Schulungen, und sie lernten verschiedene Anbaumethoden. Zusätzlich wurde ein Garten zu Demonstrationszwecken angelegt.  

Jede Gruppe hatte einen zugewiesenen Leiter, der dafür verantwortlich war, das kontinuierliche Lernen bei den Teilnehmern zu fördern. Viele Mitglieder legten anschließend Permakulturgärten bei sich zu Hause an, während diejenigen, die keinen Zugang zu Land hatten, zusammen Gemeinschaftsgärten bewirtschafteten. Mit den neu erworbenen Kenntnissen und wachsendem Selbstvertrauen erlebten viele Familien nachhaltige Veränderung.  

Antoneta und Moses, der nun eine dieser Gruppen leitet, sind tief bewegt. „Ich hatte noch nie etwas verkauft. Seit ich gelernt habe, wie ich in zwei Anbausaisons etwas anbauen und Fruchtwechsel betreiben kann, verkaufe ich Gemüse und kann meinen Kindern alles kaufen, was sie brauchen. Ich konnte sogar anfangen, etwas zu sparen. Alles hat sich verändert. Ich konnte den Boden in meinem Haus mit Zement verlegen. Vorher habe ich es mit Kuhdung bestrichten, aber dann tauchten immer Würmer auf und krabbelten über uns hinweg, sogar nachts. Jetzt schlafen wir bequem auf einer Matratze, die ich selbst gekauft habe“, erzählt Antoneta, die übers ganze Gesicht strahlt.  

Auch ihr Mann hat sich verändert. „Ich habe gesehen, dass Gott mich und alle hier liebt, weil das Kinderzentrum hier ist und uns hilft. Ich kannte Gott kaum und konnte ihn nicht sehen. Jetzt habe ich mein Leben Gott gegeben“, sagt Mose. 

Veränderung zieht Kreise

Moses hat angefangen, sein Umfeld nun maßgeblich positiv zu beeinflussen und ermutigt seine Nachbarschaft, selbst in der Landwirtschaft tätig zu sein. Er wurde sogar als Gemeinderatsvorsitzender in seinem Dorf gewählt. „Es ermutigt mich, weil ich weiß, dass ich geliebt werde. Die Menschen in meinem Heimatort haben die Veränderungen an mir gemerkt, vertrauen mir und haben mich zum Vorsitzenden gewählt.“ 

In dieser Saison erntete er reichlich Mungobohnen sowie Hirse und konnte 500 kg in einem Silo lagern. Er will die Ernte verkaufen, um ein halb-permanentes Haus zu errichten, das sowohl als Wohnhaus sowie als Geschäftsraum dienen soll.  

Dieses neue Zuhause wird für Antoneta sein. Außerdem hofft er, in der nächsten Saison Land zu kaufen und ein Haus für seine zweite Frau zu bauen. Über die Landwirtschaft hinaus vermittelt Moses in familiären Streitigkeiten und vertritt seinen Ort bei Sitzungen. Sogar andere Diebe hat er davon überzeugt, ihr Handeln zu überdenken. Seit er sein Leben als Viehdieb aufgegeben hat, konnte er 25 weitere ehemalige Diebe dazu bewegen, diesem Weg den Rücken zu kehren. All diese Veränderungen begannen, als Timothy im Compassion-Patenschaftsprogramm aufgenommen wurde. Mittlerweile ist er sechs Jahre alt und ein fröhliches, zurückhaltendes Kind.   

„Ich bin so dankbar für die Liebe der Mitarbeiter im Kinderzentrum. Meine Eltern kochen für mich. Ich genieße das sehr. Ich muss nicht hungrig schlafen gehen“, erzählt Timothy. 

Erfolgreiches Pilotprojekt

Das Pilotprojekt zeigt nach einer Zwischenbewertung vielversprechende Ergebnisse und soll deshalb auch auf andere Kirchen ausgeweitet werden. Der Erfolg der Perma-Gärten – und der Erfolg des Compassion-Kinderzentrums – hat sogar die Aufmerksamkeit der lokalen Behörden auf sich gezogen. 

„Bevor Compassion in unseren Ort kam, standen Überfälle an der Tagesordnung“, betont der Landwirtschaftsbeauftragte des Distrikts. „Die Menschen beteiligten sich nicht großartig an der Landwirtschaft. Durch die Kirche und das Compassion-Kinderzentrum hat sich viel gewandelt. Jetzt sehe ich Menschen, die verschieden Pflanzen anbauen. Ich sehe Kinder, die zur Schule gehen. Und das Einprägsamste ist, dass sich die Einstellung und Denkweise der Menschen verändert hat.“ 

Quelle

i International Fund for Agricultural Development (IFAD): Rural Development Report 2021. Transforming Food, Agriculture and Rural Economies. Rom: IFAD, 2021. URL: https://www.ifad.org/documents/d/new-ifad.org/rdr2021-pdf 

ii Daniel Dickinson: Why are over 670 million people going hungry? UN News, 14. Oktober 2025. URL: https://news.un.org/en/story/2025/10/1166108

iii Weltbank: Measuring Poverty. Washington D.C.: World Bank Group, 2025. URL: https://www.worldbank.org/ext/en/topic/poverty/measuring-poverty  

iv Vgl. IFAD 2021 (wie Anm. 1) 

v Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ): Ländliche Entwicklung. Berlin: BMZ, o. J. URL: https://www.bmz.de/de/service/lexikon/laendliche-entwicklung-14634  

vi Kia Muleta: Straßen und ihr Einfluss auf die Lebensqualität in Afrika. Fachjournal Welternährung der Welthungerhilfe, Oktober 2024. URL: https://www.welthungerhilfe.de/welternaehrung/rubriken/klima-ressourcen/strassen-und-ihr-einfluss-auf-afrikas-lebensqualitaet  

vii Shenggen Fan, Joanna Brzeska, Michiel Keyzer und Alex Halsema: Ending Poverty and Hunger by 2030: An Agenda for the Global Food System. Washington D.C.: World Bank Group, 2015. URL: https://documents1.worldbank.org/curated/en/700061468334490682/pdf/95768-REVISED-WP-PUBLIC-Box391467B-Ending-Poverty-and-Hunger-by-2030-FINAL.pdf  

Der dürreresistente Baum sprießt besonders in der Trockenzeit. Auch Antonetas Familie aß davon. Alle wurden krank. Jeden Tag dachte Antoneta darüber nach, wie sie an Lebensmittel für ihre Familie kommen konnte. Sie überlegte sogar eigene Lebensmittel anzubauen. Da ihre Kultur jedoch stark von der Viehhaltung geprägt ist, zeigten die Menschen in ihrem Heimatort nur ein geringes Interesse an landwirtschaftlichen Tätigkeiten. Niemand wollte Antonetas Familie unterstützen. „Wir wussten wenig über das Anpflanzen oder die Bewirtschaftung. Wir hatten zwar Land, aber kein Wissen“, gesteht Antoneta.

Extreme Armut  ein ländliches Problem? 

Armut und Hunger sind überall zu finden. In den großen Metropolen sowie in den ländlichen Regionen. Weltweit leben rund 70 Prozent der Menschen in extremer Armut auf dem Land. Für Menschen in Afrika, die südlich der Sahara leben, ist die Situation besonders dramatisch. Dort leben über 306 Millionen in ländlichen Gebieten in extremer Armut. Auch in Südasien leben weitere 85,5 Millionen Menschen in extremer Armut.i

Die Herausforderungen sind komplex. In vielen ländlichen Regionen fehlt es an Infrastruktur. Es gibt keinen Zugang zu Bildungsangeben oder medizinischer Versorgung. Hinzu kommen extreme Wetterbedingungen, Konflikte und wirtschaftliche Krisen, die die Situation von vielen Familien erschweren. Sie können sich weder ausreichend noch ausgewogen ernähren. Im Jahr 2025 litten etwa 673 Millionen Menschen unter chronischem Hunger.ii  

Experten gehen davon aus, das moderate Armut in ganz Asien und in afrikanischen Ländern südlich der Sahara auf einem hohen Niveau bleiben und vorwiegend in ländlichen Gebieten auftreten wird. Die Grenze für moderate Armut liegt in Ländern mit mittlerem bis niedrigem Einkommen bei 4,20 pro Tag.iii 

Was überraschen mag: Weltweit bewirtschaften Kleinbäuerinnen und Kleinbauern mindestens 30 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen, häufig mit weniger als 20 Hektar. In Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen liegt ihr Anteil sogar deutlich höher.iv 

Ländliche Räume müssen gestärkt werden, um Armut und Hunger zu bekämpfen. Wenn der Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung und die Infrastruktur gestärkt werden, trägt dies zu einer besseren Zukunft von Kindern bei.  

Ein Hoffnungsschimmer 

„Nein“ sagen – genau das sollen Kinder lernen. Denn ihre Stimme zählt. Was ihnen auf dem Herzen liebt, sollen sie selbstbewusst äußern und melden, wenn sie in Gefahr sind.

Für Antoneta, ihren Mann Moses und den gemeinsamen Sohn Timothy kam diese Stärkung durch das Kinderzentrum, das 2023 in einer lokalen Partnerkirche von Compassion eröffnete. Timothy wurde im Compassion-Patenschaftsprogramm aufgenommen.

Paul, Leiter des Kinderzentrums, versuchte sich im ersten Monat einen Überblick zu verschaffen: „Ich habe versucht, die Familien besser kennenzulernen. Dabei habe ich erfahren, dass Moses ein Viehräuber war. Bei vielen Menschen im Ort war er daher unbeliebt.“

Viehraub stellt seit Jahren eine große Herausforderung in der Region dar. Wie viele andere junge Männer, lernte Moses früh, dass er Rinder von anderen stehlen muss, um selbst für seine Familie sorgen zu können.

In seiner Kultur sind Männer polygam. Die Anzahl der Kühe bestimmt, wie viele Frauen ein Mann heiraten kann und daher sind Kühe von unschätzbarem Wert. Die Kühe können verkauft werden, vom Erlös können Lebensmittel gekauft werden, oder er kann als Mitgift bei Hochzeitszeremonien verwendet werden.

Obwohl solche Überfälle riskant waren und einige von Moses‘ Freunden starben, war es der einzige Weg, den er sah, um für seine Familie zu sorgen. „Wann immer wir nichts zu essen hatten, habe ich die Tiere oder Lebensmittel von anderen Leuten gestohlen“, sagt Moses.

Für Mitarbeiter Paul war Moses mehr als das, was viele auf den ersten Blick sahen. Er sah keinen Dieb in ihm, sondern einen Mann der Unterstützung brauche.

„Paul war im Kinderzentrum immer freundlich zu mir“, erzählt Moses. „Er hat mich kennengelernt, mich ermutigt und mit mir gebetet. Er sagte mir, ich solle mit den Raubzügen aufhören und mich auf die Landwirtschaft konzentrieren, um meine Familie zu versorgen. Ich sagte ihm, dass ich es nicht schaffen würde, doch er erwiderte: Lasst uns beten. Gott wird dir Türen öffnen. 

Wie ländliche Regionen gestärkt werden können

Die meisten Menschen in extremer Armut leben auf dem Land. Expertinnen und Experten sind sich einig: Ländliche Regionen müssen gestärkt werden, um Hunger und Armut zu bekämpfen.v Was brauchen Menschen, damit sich ihre Lebensgrundlage verbessert? Oft sind es die Dinge, die für uns in Deutschland selbstverständlich erscheinen: sauberes Wasser, eine befestigte Straße ohne Schlaglöcher, eine Arztpraxis, die erreichbar ist, eine Schule, aus der Kinder nicht fortgeschickt werden, weil die Schulgebühren von den Eltern nicht gezahlt werden können. Doch eine schlechte Infrastruktur verwehrt ihnen den Zugang zu genau diesen Dingen. Denn eine aktuelle Analyse der Welthungerhilfe zeigt, dass rund 60 Prozent der Menschen in Subsahara Afrika in ländlichen Regionen leben.vi Sie leben weit weg von Straßen, Kliniken und Schulen. Es zeigt sich immer wieder: Wo Straßen gebaut werden, Zugang zu medizinischer Versorgung gewährleistet wird und alle Kinder in Schulen lernen können, verändert sich das Leben von Familien.  

Genauso wichtig wie Infrastruktur ist die Landwirtschaft. Sie ist für viele Familien, Grundlage ihres Lebens und ein wichtiges Instrument zur Einkommensgewinnung. Ein Weltbank-Bericht betont, dass Wachstum aus der Landwirtschaft zwei- bis viermal wirksamer ist bei der Reduzierung von Armut als Wachstum aus anderen Bereichen. Wo Kleinbäuerinnen und Kleinbauern mehr ernten, leben mehr Menschen oberhalb der Armutsgrenze.vii Wer mehr erntet, kann seine Familie besser versorgen, Teile der Ernte verkaufen und im besten Fall das eigene Wissen an andere in der Nachbarschaft weitergeben.  

Damit all das gelingen kann, müssen Infrastruktur, Landwirtschaft, Bildung und Gesundheit zusammengedacht werden. Nicht als Einzelmaßnahmen, sondern als Teile eines Ganzen.  

Neue Möglichkeiten

Gemeinsam mit den lokalen Partnerkirchen möchte Compassion Kinder und ihre Familien ganzheitlich unterstützen. Diese Vision teilt auch Paul. Als das Kinderzentrum sein einjähriges Bestehen feierte, wollte er etwas tun, um Familien wie Moses und Antoneta zu einem besseren Leben zu verhelfen.  

Von einem Mitarbeiter des Compassion-Landesbüros hörte Paul von einem Pilotprojekt, das sich in der Region mit nachhaltiger Landwirtschaft beschäftigt. Er wollte unbedingt, dass sein Kinderzentrum darin eingebunden wird und schaffte es, dass das Projekt den Familien das Konzept der „Perma-Gärten“ vorstellte. Ziel ist es, selbst tragende Gärten zu schaffen, die Familien dabei unterstützen, ihre eigenen Lebensmittel anzubauen. 

In der Kirche wurden vier Gruppen mit mindestens 30 Personen gebildet. Diese Gruppen bestanden zu 80 Prozent aus Familien, deren Kinder ins Kinderzentrum der Kirche gehen und 20 Prozent aus Kirchenmitgliedern. Alle erhielten dort praktische Schulungen, und sie lernten verschiedene Anbaumethoden. Zusätzlich wurde ein Garten zu Demonstrationszwecken angelegt.  

Jede Gruppe hatte einen zugewiesenen Leiter, der dafür verantwortlich war, das kontinuierliche Lernen bei den Teilnehmern zu fördern. Viele Mitglieder legten anschließend Permakulturgärten bei sich zu Hause an, während diejenigen, die keinen Zugang zu Land hatten, zusammen Gemeinschaftsgärten bewirtschafteten. Mit den neu erworbenen Kenntnissen und wachsendem Selbstvertrauen erlebten viele Familien nachhaltige Veränderung.  

Antoneta und Moses, der nun eine dieser Gruppen leitet, sind tief bewegt. „Ich hatte noch nie etwas verkauft. Seit ich gelernt habe, wie ich in zwei Anbausaisons etwas anbauen und Fruchtwechsel betreiben kann, verkaufe ich Gemüse und kann meinen Kindern alles kaufen, was sie brauchen. Ich konnte sogar anfangen, etwas zu sparen. Alles hat sich verändert. Ich konnte den Boden in meinem Haus mit Zement verlegen. Vorher habe ich es mit Kuhdung bestrichten, aber dann tauchten immer Würmer auf und krabbelten über uns hinweg, sogar nachts. Jetzt schlafen wir bequem auf einer Matratze, die ich selbst gekauft habe“, erzählt Antoneta, die übers ganze Gesicht strahlt.  

Auch ihr Mann hat sich verändert. „Ich habe gesehen, dass Gott mich und alle hier liebt, weil das Kinderzentrum hier ist und uns hilft. Ich kannte Gott kaum und konnte ihn nicht sehen. Jetzt habe ich mein Leben Gott gegeben“, sagt Mose. 

Veränderungen zieht Kreise

Moses hat angefangen, sein Umfeld nun maßgeblich positiv zu beeinflussen und ermutigt seine Nachbarschaft, selbst in der Landwirtschaft tätig zu sein. Er wurde sogar als Gemeinderatsvorsitzender in seinem Dorf gewählt. „Es ermutigt mich, weil ich weiß, dass ich geliebt werde. Die Menschen in meinem Heimatort haben die Veränderungen an mir gemerkt, vertrauen mir und haben mich zum Vorsitzenden gewählt.“ 

In dieser Saison erntete er reichlich Mungobohnen sowie Hirse und konnte 500 kg in einem Silo lagern. Er will die Ernte verkaufen, um ein halb-permanentes Haus zu errichten, das sowohl als Wohnhaus sowie als Geschäftsraum dienen soll.  

Dieses neue Zuhause wird für Antoneta sein. Außerdem hofft er, in der nächsten Saison Land zu kaufen und ein Haus für seine zweite Frau zu bauen. Über die Landwirtschaft hinaus vermittelt Moses in familiären Streitigkeiten und vertritt seinen Ort bei Sitzungen. Sogar andere Diebe hat er davon überzeugt, ihr Handeln zu überdenken. Seit er sein Leben als Viehdieb aufgegeben hat, konnte er 25 weitere ehemalige Diebe dazu bewegen, diesem Weg den Rücken zu kehren. All diese Veränderungen begannen, als Timothy im Compassion-Patenschaftsprogramm aufgenommen wurde. Mittlerweile ist er sechs Jahre alt und ein fröhliches, zurückhaltendes Kind.   

„Ich bin so dankbar für die Liebe der Mitarbeiter im Kinderzentrum. Meine Eltern kochen für mich. Ich genieße das sehr. Ich muss nicht hungrig schlafen gehen“, erzählt Timothy. 

Erfolgreiches Pilotprojekt  

Das Pilotprojekt zeigt nach einer Zwischenbewertung vielversprechende Ergebnisse und soll deshalb auch auf andere Kirchen ausgeweitet werden. Der Erfolg der Perma-Gärten – und der Erfolg des Compassion-Kinderzentrums – hat sogar die Aufmerksamkeit der lokalen Behörden auf sich gezogen. 

„Bevor Compassion in unseren Ort kam, standen Überfälle an der Tagesordnung“, betont der Landwirtschaftsbeauftragte des Distrikts. „Die Menschen beteiligten sich nicht großartig an der Landwirtschaft. Durch die Kirche und das Compassion-Kinderzentrum hat sich viel gewandelt. Jetzt sehe ich Menschen, die verschieden Pflanzen anbauen. Ich sehe Kinder, die zur Schule gehen. Und das Einprägsamste ist, dass sich die Einstellung und Denkweise der Menschen verändert hat.“ 

Quellen

i International Fund for Agricultural Development (IFAD): Rural Development Report 2021. Transforming Food, Agriculture and Rural Economies. Rom: IFAD, 2021. URL: https://www.ifad.org/documents/d/new-ifad.org/rdr2021-pdf 

ii Daniel Dickinson: Why are over 670 million people going hungry? UN News, 14. Oktober 2025. URL: https://news.un.org/en/story/2025/10/1166108

iii Weltbank: Measuring Poverty. Washington D.C.: World Bank Group, 2025. URL: https://www.worldbank.org/ext/en/topic/poverty/measuring-poverty  

iv Vgl. IFAD 2021 (wie Anm. 1) 

v Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ): Ländliche Entwicklung. Berlin: BMZ, o. J. URL: https://www.bmz.de/de/service/lexikon/laendliche-entwicklung-14634  

vi Kia Muleta: Straßen und ihr Einfluss auf die Lebensqualität in Afrika. Fachjournal Welternährung der Welthungerhilfe, Oktober 2024. URL: https://www.welthungerhilfe.de/welternaehrung/rubriken/klima-ressourcen/strassen-und-ihr-einfluss-auf-afrikas-lebensqualitaet  

vii Shenggen Fan, Joanna Brzeska, Michiel Keyzer und Alex Halsema: Ending Poverty and Hunger by 2030: An Agenda for the Global Food System. Washington D.C.: World Bank Group, 2015. URL: https://documents1.worldbank.org/curated/en/700061468334490682/pdf/95768-REVISED-WP-PUBLIC-Box391467B-Ending-Poverty-and-Hunger-by-2030-FINAL.pdf